In "Anna aus den fünf Städten" entwirft Arnold Bennett ein präzises Bild der industriellen Töpferregion Staffordshires, der berühmten "Five Towns", und macht aus sozialer Enge, religiösem Konformismus und ökonomischem Ehrgeiz den Stoff eines eindringlichen Entwicklungsromans. Im Zentrum steht Anna Tellwright, deren innerer Konflikt zwischen Pflicht, Begehren und Selbstbestimmung mit nüchterner Genauigkeit und psychologischer Feinzeichnung dargestellt wird. Bennett verbindet realistische Milieuschilderung mit subtiler Ironie; der Roman steht damit exemplarisch im spätviktorianisch-edwardianischen Gesellschaftsroman, der häusliche Sphäre und Klassenordnung als Schauplätze moralischer Entscheidung begreift. Bennett, selbst in Hanley, einer der fünf Städte, geboren, schöpfte aus unmittelbarer Kenntnis der lokalen Topographie, der industriellen Arbeitswelt und der provinziellen Mentalitäten. Seine journalistische Schulung und sein Interesse an den Mechanismen des Alltags prägten einen Stil, der Beobachtungsschärfe über Sentimentalität stellt. Gerade diese Herkunft erklärt, warum er nicht bloß eine Liebesgeschichte erzählt, sondern die Wechselwirkung von Milieu, Religion, Familie und sozialem Aufstieg untersucht. Dieses Buch empfiehlt sich Lesern, die den englischen Realismus in seiner konzentrierten, unspektakulär tiefen Form kennenlernen möchten. Wer George Eliot, Gissing oder frühe moderne Frauenfiguren schätzt, wird in Anna eine bemerkenswert komplexe Heldin finden und in Bennett einen feinen Analytiker des gewöhnlichen Lebens.