Zeitenwende ist ein eigentümliches, vielschichtiges Wort. Denn wer wendet die Zeiten? Macht die Zeit es selbst? Hat sie ein Selbst? Steiner sprach nun in Vorträgen häufiger vom «Zeitgeist». Ist der Mensch, der sich mit dem Zeitgeist verbindet, bei den Wendungen zum Guten der entscheidende Faktor? In diesem Zusammenhang nahm Steiner vermehrt Bezug auf mittelalterliche Hierarchien- und Engellehren und die Namen, die solchen uns zeitweise leitenden kosmischen Wesen dort gegeben werden. Vor allem dem «Erzengel Michael» oder der Qualität des «Michaelischen» wird der erstaunte Leser in Steiners Gesamtwerk immer wieder begegnen. Mit ihm wird traditionell das Attribut der Waage assoziiert. Das Abwägen, die Scheidung von Wesentlichem und Unwesentlichem bei der Urteilsbildung, die mutige Unbestechlichkeit sind weitere Motive. Der Mut, zu sich selbst zu stehen, auch wenn alle Welt einen zu Schritten zwingen will, die, würde man sie mitmachen, Kettenreaktionen der Unwahrhaftigkeit auslösen würden. Es braucht Mut, ausgleichend zu wirken. Verantwortung zu übernehmen für eine eigene freie Entscheidung, und diese erst dann zu treffen, wenn sie gereift ist. Für Steiner löst der Zeitgeist des Michaelischen den Menschen auch aus den Fesseln der lähmenden Erwartungen an Institutionen. Parolen wie «Wir sind das Volk!» oder, in jüngster Zeit, «Wir sind jetzt Verfassungsschutz», vor dem Hintergrund von demokratiegefährdendem Extremismus, mögen diesen Umschwung in den Seelen andeuten, wenn auch die Regierenden aus Eigeninteresse gern auf diesen Zug aufspringen oder ihn gar selbst aufs Gleis gesetzt haben: Jeder übernimmt Verantwortung für das Ganze, weil das Ganze im Einzelnen lebt. Weil auch ich ausgegrenzt werde, wenn mein Nächster ausgegrenzt wird
Was gibt es noch zu sagen zu Rudolf Steiner, hundert Jahre nach seinem Tod? Wohin soll sich der Blick richten: rückwärts historisierend, selbst zufrieden kritisch oder hagiographisch verklärend? Es ist die schöpferische Dimension des Menschen Rudolf Steiner und seines Werks, die interessiert, alles andere kann heute bereits ChatGPT formu lieren und repetieren.
'Als Kind erlebte Rudolf Steiner Einsamkeit, weil er auf seine vielen Fragen keine ihn befrie digenden Antworten erhielt. Als reifer Mann erlebte Rudolf Steiner Einsamkeit, weil zu viele Menschen ihn mit Fragen bedrängten, auf die er Antworten geben sollte.'
'Ihm gerecht werden, das heißt auch, in die
ihm selber voll bewusste Ambivalenz mancher Entschlüsse mit dem eigenen, sich einfühlenden Verstand ganz hineinzugehen. Sodass sich aus Erkenntnis Verständnis entwickelt, sodass mit dem Herzen gedacht wird.'